
Die Relevanz von FASD
Ein Blick über den Tellerrand ...
Das Thema FASD hat in den vergangenen Jahren insbesondere in der Jugendhilfe einen relativ hohen Grad der Bekanntheit erlangt.
(Sehr) langsam "erobert" sich das Thema auch eine gewisse Präsenz in der Eingliederungs-/ Behindertenhilfe.
In zahlreichen weiteren Feldern ist das Thema aber aktuell noch deutlich unterrepräsentiert wenn nicht gar unbekannt:
01
Psychiatrie
Nicht zuletzt, weil es sich bei FASD um nicht um eine (nicht unmittelbar abrechenbare) "F" Diagnose im ICD handelt (die Diagnose Alkohol-embryopathie findet sich im ICD als Q 86.0), ist sie zahlreichen Ärzten und weiten Teilen des Klinikpersonals wenig geläufig. Immer wieder trifft man auch auf die Aussage, FASD beträfe nur Kinder- und Jugendliche und sei für die Erwachsenenpsychiatrie nicht relevant.
Etwas besser sieht es inzwischen im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie aus, wo sich einzelne Kliniken und Fachärzte diesem Thema intensiv verschrieben haben.
02
Maßregelvollzug/ Forensik
Es ist bekannt ist, dass zahlreiche Betroffene in Konflikt mit dem Gesetz geraten. Sofern hier überhaupt eine psychiatrische Begutachtung stattfindet, stellt sich häufig die Frage der strafrechtlichen "Schuldfähigkeit" (insbesondere der Steuerungsfähigkeit) und es ist davon auszugehen,. dass eine nicht unerhebliche Zahl der sog. "intelligenzgeminderten Patienten" eine FASD-Erkrankung haben dürfte.
In der 3. Auflage des 800 Seiten umfassenden Standardwerkes "Praxisbuch forensische Psychiatrie" findet sich weder die Diagnose FAS oder FASD noch der veraltete Terminus der Alkohol-embryopathie.
03
Schule
Gelegentlich "schwappt" - v.a. durch Pflege- und Adoptivkinder - das Thema "FASD" auch in das System der Schulen. Hier sind dann zumeist zahlreiche Inklusionshelfer tätig, ohne dass das "originäre" Schulsystem einen eigenen Zugang zum Themenfeld sucht.
04
Heilpädagogik
Gemessen daran, dass es sich bei FASD um die lt. BMG häufigste Ursache einer angeborenen - nicht genetisch bedingten - Behinderung handelt, ist der Stellenwert im Bereich der Ausbildung von Heil-pädagog*innen und Heilerziehungs-pfleger*innen zwar inzwischen vorhanden, aber in der Gewichtung noch deutlich "ausbaufähig".
05
Soziale Arbeit
Im Studium der Sozialen Arbeit findet das Thema "FASD" eher ausnahmsweise als regelhaft statt, obwohl es in zahlreichen Bereichen eine erhebliche Relevanz haben dürfte, bspw. in Suchtberatung, Schuldnerhilfe, Obdachlosenhilfe, Bewährungshilfe und Strafvollzug.
Insofern wäre eine Auseinander-setzung mit FASD hilfreich, wenn nicht zwingend, auch für das Studium der Sozialen Arbeit.
06
Justiz und Strafverfolgung
Der (leider) häufige Kontakt zahlreicher FASD-Betroffener mit dem System der Strafverfolgung lässt es wünschenswert erscheinen, dass auch hier eine Auseinandersetzung mit dem Krankheitsbild erfolgt.
Insbesondere die häufig vorhandene hohe sprachliche Kompetenz der Betroffenen führt zu erheblichen Fehleinschätzungen.
07
Medizin
Auch außerhalb der Psychiatrie gibt es zahlreiche Berührungspunkte medizinischer Fachkräfte mit dem Thema FASD.
Es wäre sehr hilfreich, wenn Hebammen, Neonatologen und Kinderärzte über Entstehung, Vermeidung und auch über eine frühzeitige Diagnostik informiert wären.
08
... und sonst so
Als "Spektrumstörung" begegnen uns Menschen mit FASD alltäglich. Sie leben in Nachbarschaft, sind Arbeitskolleg*innen und vielleicht sind wir ja selbst betroffen?