
Irrtümer und Missverständnisse
Immer wieder begegnen mir - bisweilen selbst bei FASD-Profis - Aussagen, die auf Denkfehlern bzw. Missverständnissen beruhen.
Nachfolgend meine Top-Ten dieser Irrtümer:
01
"Der hat gar kein FASD: Der sieht gar nicht so aus!"
Nur ein relativ kleiner Teil der Betroffenen (< 10 %) zeigt die "sichtbaren" Auffälligkeiten (nur bei FAS + pFAS). Mit zunehmendem Alter können sich diese auch "auswachsen"
Vielfach werden die Begriffe FAS und FASD auch (von "Experten") synonym verwendet, d.h. es erfolgt eine Reduzierung auf das sog. "Vollbild" die sich sowohl in der Quantität als auch in der angenommenen "Schwere" (s.u.) widerspiegelt
02
"Unsere Pflegetochter hat sogar das Vollbild"
Vielfach wird das sog. Vollbild (=FAS) für die "schwerste" Form von FASD gehalten. Tatsächlich sagt der Begriff "Vollbild" nur etwas über die (einfache) Diagnostizierungsmöglichkeit. Die vorrangig relevanten hirnorganischen Schädigungen können bei ARND, pFAS und beim Vollbild jeweils in unterschiedlicher Schwere vorhanden sein.
03
"Nein, der kann kein FASD haben, ich kenne die Mutter"
Für eine Schädigung reicht auch einmaliger Alkoholkonsum bspw. auch zu einem Zeitpunkt zu dem die werdende Mutter noch gar nicht von der Schwangerschaft wusste. Deshalb ist auch die Annahme, die Mutter müsse alkoholkrank sein, ebenso falsch wie die generelle Zuschreibung alle Betroffenenen kämen aus prekären sozialen Verhältnissen (s.u.)
"FASD ist eine Modediagnose"
FASD (früher Alkoholembryopathie genannt) ist als Diagnose noch relativ "jung", aber die Erkrankung gibt es seit es Alkohol gibt! Der Begriff der "Modediagnose" ist aber ausgesprochen wirkungsvoll und erspart eine intensivere - auch gesellschaftliche - Auseinandersetzung.
04
"Nur wenige Betroffene leben in besonderen Wohnformen" (Wohnheimen)
Eine Vielzahl der Betroffenen lebt - teilweise bereits seit Jahrzehnten - in den Wohneinrichtungen bzw. ist in den Werkstätten (WfbM) tätig. Allerdings haben die Betroffenen, v.a. wenn sie bereits älter sind oder bei ihren leiblichen Eltern leben, zumeist KEINE FASD-Diagnose.
05
"FASD betrifft nur die Unterschicht"
Alkoholkonsum findet in jeder gesellschaftlichen Schicht statt; nachgewiesenermaßen steigt der Konsum sogar mit höherem Bildungsgrad.
06
07
"80 % der betroffenen Kinder leben nicht in der Herkunftsfamilie"
Tatsächlich leben 80% der DIAGNOSTIZIERTEN Kinder nicht in der Herkunftsfamilie. Aufgrund der extrem hohen Stigmatisierung der Mütter, wird möglicher Alkoholkonsum zumeist von den leiblichen Müttern verschwiegen.
Pflegeeltern sind häufig sehr gut informiert und vernetzt, so dass die Frage nach einer Diagnose hier sehr häufig auftaucht, wenn es "Schwierigkeiten" (bspw. Entwicklungsverzögerungen und Erziehungsschwierigkeiten) gibt.
08
"80% der über 21-jährigen benötigen personelle Unterstützung in der Lebensführung"
Diese Zahl (und weitere) - entnommen aus der vielzitierten Langzeitstudie von Prof. Spohr aus dem Jahre 2008 - ist auf einen weiteren Denkfehler zurückzuführen:
Wie oben geschrieben, werden in Deutschland weit überwiegend Kinder mit der Diagnose "FASD" diagnostiziert, die nicht in ihrer Herkunftsfamilie leben. Diese Betroffenen haben i.d.R. zusätzliche psychopathologische Schwierigkeiten, die aus der Herausnahme aus der Familie resultieren wie z.B. Traumatisierungen u. Bindungsstörungen. (s.a. FASDplus)
Würde die o.g. Zahl - 80 % von 1,5 Millionen Betroffenen - stimmen, so würden Jugend- und Eingliederungshilfe nicht nur ausschließlich aus FASD-Betroffenen bestehen, sondern quantitativ jede Dimension sprengen!
09
"Nur wer eine Diagnose FASD erhält, hat auch FASD"
Dieser Denkfehler begegnet wir auch dort, wo FASD (eigentlich) bekannt ist. In manchen Einrichtungen und Diensten der Eingliederungshilfe befasst man sich - z.T. bereits seit vielen Jahren - mit dem Thema FASD, beschränkt diese Erkenntnisse jedoch auf die Betroffenen, bei denen eine FASD-Diagnose vorliegt. OHNE DIAGNOSE KEIN FASD.
Fakt ist jedoch: In Deutschland sind ca. 1,77 % der Bevölkerung von FASD betroffen (also ca. 1,5 Mio.), eine Diagnose haben jedoch nur 0,07 % (also ca. 50000). d.h. es besteht eine extreme Dunkelziffer! (s.a. FASDplus)
Diese Dunkelziffer betrifft v.a. Menschen, die in ihrer Herkunftsfamilie aufgewachsen sind; ein "Eingeständnis" des Konsums von Alkohol durch die leibliche Mutter findet so gut wie nie statt, wäre aber für eine Diagnose der S3-Leitlinie vielfach - v.a. bei ARND - erforderlich.
10
Zu guter Letzt der Klassiker "Ein Glas schadet nicht"
Dieser Mythos hält sich hartnäckig, obwohl erwiesen ist, dass die zellschädigende Wirkung des Alkohols auch bereits bei kleinen Mengen erfolgen kann.
Nur 0,0 Promille können garantieren, dass keine Schädigungen des Ungeborenen durch Alkohol erfolgen.