FASDplus        

Warum "FASD plus"

Die „bekannten“  Menschen mit FASD sind weit überwiegend Betroffene aus Pflegefamilien. Sowohl in den Netzwerken (FASD Deutschland e.V) als auch in den wissenschaftlichen Studien sind es v.a. diese Personen, über die entsprechende Kenntnisse vorliegen.

 

Problematisch dabei ist, dass - sofern man die Prävalenz von 1,77 % - zugrunde legt, in Deutschland ungefähr 1.5 Millionen Menschen betroffen sind, die Teilnehmerzahl der einschlägigen Studien aber nur selten mehr als 100 Betroffene einbezieht!

 

Insofern dürften zahlreiche Schlussfolgerungen eine erhebliche „Unschärfe“ haben. Dies umso mehr, als eigentlich nur eine bestimmte Gruppe der Betroffenen zur Basis der Schlussfolgerungen herhalten muss, nämlich die Gruppe der Pflege-/Adoptivkinder bzw. Kindern aus dem Bereich der Jugendhilfe.

 

Diese Personen bilden allerdings nur einen (mutmaßlich kleinen) Teil der tatsächlich Betroffenen ab. Neben dieser Gruppe gibt es weitere Gruppen von Menschen mit vorgeburtlichen Alkoholschädigungen, für die aber i.d.R. keine FASD-Diagnose gestellt wird:

  1. Gruppe: Menschen bei denen  bereits nach der Geburt bzw. im (frühen) Kindesalter eine (geistige) Behinderung diagnostiziert wurde. Die Betroffenen finden sich in den verschiedenen  Angeboten der Eingliederungshilfe (Frühförderung, Förderschulen, WfbM, Wohnangebote etc.). Da Schädigungen durch Alkohol während der Schwangerschaft auch kein neues „Phänomen“ sind, kann man davon ausgehen, dass viele Betroffene „seit je her“ in den Einrichtungen der Eingliederungshilfe unterstützt werden.
  2. Gruppe: Kinder und Jugendliche, deren Verhalten auffällt, die aber in ihren Herkunftsfamilien leben. Insbesondere in gut situierten (bspw. Akademiker-) Familien. Wenn überhaupt werden hier komorbide Störungen (ADHS, Autismus, Persönlichkeitsstörungen etc.) in den Fokus genommen. Schädigungen durch vorgeburtlichen Kontakt mit Alkohol werden negiert.
  3. Gruppe: Da es sich bei FASD um eine Spektrum-Störung handelt, gibt es auch zahlreiche Betroffene, die ihr Leben ohne (institutionelle/professionelle) Unterstützung gestalten können. Möglicherweise vorhandene Einschränkungen (z.B. im Bereich der exekutiven Funktionen) können hier - bspw. durch intellektuelle Kompetenzen oder auch durch Partner - kompensiert werden und fallen so im Alltag nicht wesentlich ins Gewicht. 

 

An dieser Stelle nutze ich den Begriff „FASDplus“ : 

Gemeint sind hier Menschen, die nicht nur von FASD betroffen sind, sondern häufig auch vielfache weitere psychopathologische Schädigungen aufweisen. So stellt eine Herausnahme aus der Familie - schon ohne die Berücksichtigung weiterer Vorkommnisse - eine  erhebliche Traumatisierung dar. 

Da eine derartige Herausnahme immer auf eine erhebliche „Vorgeschichte“ (i.e. Kindeswohlgefährdung) zurückzuführen ist, kommen zur der eigentlichen FASD-Problematik i.d.R. weitere Themen - Bindungsstörung, PTBS etc. - hinzu, die in Wechselwirkung zur FASD-Problematik stehen. 

Kausale Zusammenhänge, wie sie hier häufig der FASD-Diagnose zugeschrieben werden und sozusagen als „phänotypisch für FASD“ benannt werden, müssten eigentlich den Komorbiditäten zugeschrieben werden. 

Zahlreiche Beschreibungen „typischer“ FASD-Verhaltensweisen, müssten insofern eigentlich als Beschreibungen von FASDplus gelten!

In der Praxis ist es vielfach unmöglich, zwischen den Auswirkungen des FASD und der komorbiden Schädigungen zu unterscheiden. In jedem Fall erschweren jedoch die hirnorganischen Schädigungen die Behandlung und Therapie der psychiatrischen Co-Morbiditäten.

Psychotherapeutische Angebote stehen in Deutschland oft nur nach erheblichen Wartezeiten zur Verfügung; für Menschen mit Intelligenzminderung gibt es vielfach überhaupt keine entsprechenden Therapieangebote, obwohl die Vulnerabilität für psychische Erkrankungen bekanntermaßen bei ihnen deutlich erhöht ist.

 

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